Aliens


Ich erinnere mich an die Zeit, als ich mich noch an meine Mutter schmiegen konnte, die Wärme der Sonne fühlte und Sorgen und Schmerzen fern waren. Mein Leben gehörte mir, ich konnte mit meinen Freunden umher tollen, spielen und stattlich heranwachsen, immer mit Nahrung im Bauch. Ich wurde unabhängig, fühlte mich, als könnte ich die ganze Welt erobern, ich war ein typischer Halbstarker, dem keiner etwas zu sagen hatte.

Ich war frei.

Dann kam das Beben, die Katastrophe. Große Maschinen, Wesen in Anzügen – weit größer als ich – aus dem Nichts, vom Himmel hinabgestiegen mit Waffen, Lichtern, Mittel, die mich betäubten und die Welt in schwarz tauchten.

Als ich aufwachte, war alles weiß, steril. Ich war gefangen in einem Käfig und um mich herum hörte ich die Schreie anderer Gefangene. Nie hatte ich an Aliens geglaubt, doch nun stand einer vor mir, im weißen Anzug. Seine Arme, Beine und der Kopf glichen meinen Gliedmaßen, waren aber doch so anders; so viel heller als bei mir, so außerweltlich. Die Augen ausdruckslos im Angesicht meiner Angst und Verwirrung.

Es dämmerte mir, dass ich für diese Aliens nichts wert war. Sie packten mich ohne Probleme am Hals, zerrten mich in Räume, spritzten mir Mittel, bohrten mir mein Hirn auf für Experimente und kleisterten die offenen Wunden halbherzig wieder zu, bis ich wieder von Nutzen war. Sie fixierten für Stunden meinen Kopf und Hals und ließen mich auf Bildschirme starren, die mich mit ihren Symbolen und Zeichen in den Wahnsinn trieben. Sie notierten sich mit ihren bleichen Fingern die Ergebnisse, diskutierten in einer fremdartigen Sprache die Untersuchungen und vergaßen mich dabei, der vor Durst fast umkam.

Eines Tages wachte ich aus einem narkoseartigen Traum auf und mein Kopf hämmerte sofort wie zwanzig auf mich gefallene Baumstämme. Ich wollte mich übergeben, doch wollte nichts kommen, nicht mal Speichel, denn Wasser war rar.

Als ich nach vielen Stunden langsam wieder in der Lage war den Kopf zu heben, tastete ich vorsichtig meinen Schädel ab und fühlte mit Schrecken einen zylindrischen Gegenstand, der mir aus dem Kopf ragte. Er war massiv, meine Haare um ihn herum abrasiert und als ich die klebrige Feuchte an meinen Fingern spürte, konnte es nur eines sein: Blut! Ich verfiel in Raserei, wollte den Gegenstand aus meinem Kopf reißen, doch konnte es vor Schwäche nicht und jeder Versuch endete in schmerzvoller Ohnmacht.

Nach einer halben Ewigkeit in diesem Gefängnis des Grauens, in diesem inhumanen Kabinett des Grauens, verfiel ich in Lethargie; ich wurde wahnsinnig. Ich nutzte den wenigen Platz meines Gefängnisses, um permanent im Kreis zu laufen. Mehr, als mich um die eigene Achse zu drehen, war aber kaum möglich. Als ich anfing meinen Kopf gegen die Gitter zu hämmern, fixierten sie mich.

So also sieht es aus, wenn wir nicht an der Spitze der Nahrungskette stehen. Auch wir können einer Spezies ausgesetzt sein, die uns nur als minderwertig ansieht und so weit fortgeschritten ist, dass wir nichts weiteres sind, als niedergetrampelte Ameisen. Wir sind Versuchskaninchen, mindere Lebewesen, die nur dazu existieren, die Neugier dieser weiterentwickelten Spezies zu befriedigen.

Es dauerte lange, bis ich einzelne Begriffe ihrer Sprache ausmachen konnte, doch ich weiß nun wie sie uns nennen: Primaten, Affen, Macaca mulatta.

Für diese Menschen sind wir nichts wert.

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Inspiriert durch dieses Video, das bei mir Nackenhaare aufgestellt hat: Klicke hier


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